Dienstag, 19. Februar 2013

"Deine Stimme spricht"

Gertrud von le Fort hat 1924 ein Buch mit dem Titel "Hymnen an die Kirche" veröffentlicht, aus dem der jetzt folgende Text stammt:

DEINE Stimme spricht:
Ich habe noch Blumen aus der Wildnis im Arme,
habe noch Tau in meinen Haaren aus Tälern der Menschenfrühe.
Ich habe noch Gebete, denen die Flur lauscht,
ich weiß noch, wie man Gewitter fromm macht und das Wasser segnet.
Ich trage noch im Schoße die Geheimnisse der Wüste,
ich trage noch auf meinem Haupt das edle Gespinst grauer Denker,
denn ich bin Mutter aller Kinder dieser Erde.
Was schmähst du mich, Welt,
dass ich groß sein Darf wie mein himmlischer Vater?
Siehe, in mir knien Völker, die lange dahin sind,
und aus meiner Seele leuchten anch dem Ew'gen viele Heiden!
Ich war heimlich in den Tempeln ihrer Götter,
ich war dunkel in den Sprüchen all ihrer Weisen.
Ich war auf den Türmen ihrer Sternsucher,
ich war bei den einsamen Frauen, auf die der Geist fiel.
Ich war die Sehnsucht aller Zeiten,
ich war das Licht aller Zeiten.
Ich bin ihr großes Zusammen, ich bin ihr ewiges Einig.
Ich bin auf der Straße aller ihrer Straßen:
Auf mir ziehen die Jahrtausende zu Gott!“

Ein solches Bild von dem was Kirche bedeuten kann, dürfte heute nur noch Wenigen vermittelbar sein. Vielen wäre die Sprache zu antiquiert, das Bild von Kirche zu mystisch - irrlichternd, zu schwärmerisch - abgehoben, und doch spiegelt dieser wunderschöne Text etwas von dem wieder, was mich einst zur Kirche konvertieren ließ. Eine Dimension von Kirche, die heute bei dem alltäglichen Kleinklein, den kirchlich - gesellschaftlichen Debatten und dem Wunsch nach "progressiven Reformen", mehr und mehr auf der Strecke geblieben ist
Schon die Rede von Kirche als mystischer Leib Christi scheint heute bei vielen Katholiken keine Rolle mehr zu spielen. Die Kirche Christi erscheint mehr und mehr als soziologische Größe, deren gesellschaftliche Relevanz unter Nützlichkeitskriterien beurteilt wird. Die Außenansicht von Kirche wird - scheints - immer mehr von den Gläubigen selbst adaptiert, und beeinflusst immer stärker das Selbstverständnis des pilgernden Gottesvolkes. Die Kirche soll kompatibler werden, angepasster und stromlinienförmiger - aber die Frage sei gestattet, wohin das schlußendlich führen wird. Gertrud von le Fort lässt die Kirche sprechen, und was sie sagt hat vielleicht mehr mit dem von Papst Benedikt gebrauchten Begriff der Entweltlichung zu tun, als mit dem heutigen Gremien und Stuhlkreiskatholizismus deutscher Prägung. Der Text berührt den Glutkern dessen was Kirche ist, nämlich Christus selbst, der in Ewigkeit geborene Sohn, der die Zeit umfasst und immer schon gegenwärtig ist. Die Kirche Christi, die nicht nur die Welt umspannt, sondern auch die Zeiten, geheimnissvoll vorausgedeutet im Auszug des Volkes Israel aus Ägypten, dunkel erahnt in den Gebeten und Ritualen alter Zeit, und dann durch die Menschwerdung Gottes sichtbar auf Erden, ist eben doch mehr als nur ein "sozialer Verein". Es täte den heute lebenden Christen gut, sich gelegentlich daran zu erinnern.
 

Kommentare:

  1. "Die Kirche erwacht in den Seelen" schrieb Guardini in den Zeiten, als auch diese Hymnen geschrieben wurden. Der Funktionärs- und Gremienglaube hat leider in den vergangenen Jahrzehnten alles drangesetzt, dieses Erwachen wieder abzuwürgen.

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  2. Der Text führt einen wieder auf den Weg. Vielen Dank.

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  3. Christsein in der Welt verliert sich häufig in Aktionismus oder - wie bei mir häufig - in "Trockenübungen" philosophischer Art. Was im Alltag häufig schwierig ist, v.a. für mich, ist der Rückbezug auf die Quellen des Christseins, ich will mich ja nicht in der Welt verlieren...

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